Piercing als Therapie?

Viele Leute sind der Ansicht, dass Träger von Nasen-, Zungen- oder gar Genitalringen „nicht ganz richtig ticken“. Neueren Erkenntnissen zufolge tun aber manche Frauen, die sich Labien stechen lassen, psychologisch etwas äußerst Gesundes.

Warum riskieren Menschen Schmerzen und Komplikationen für solchen Körperschmuck? – fragen sich viele Menschen. Unter diversen Motiven spielen besonders bei jungen Leuten Provokation, Modebedürfnisse und der Wunsch, einer Gruppe anzugehören, eine Rolle, schreibt Dr. Agla Stirn von der Universität Frankfurt in „The Lancet“. Die insbesondere unter Älteren verbreitete Ansicht, dass gepiercte Menschen „irgendwie gestört“ seien, bezeichnet die Autorin als irrig. Masochismus, Sadismus, Fetischismus spielen eine geringe Rolle. Auch hängen der Methode nicht etwa nur „Asoziale“ an, piercen lassen sich Leute aus allen sozioökonomischen Gesellschaftsgruppen.

Eine große Rolle spielt dabei das Bedürfnis nach Individualität und persönlicher Identität. Manche berichten, dass sie mit dem Piercing spezielle Momente in ihrem Leben markiert hätten- um sich an positive Erfahrungen zu erinnern oder hinter schlimmen Phasen einen Schlussstrich zu ziehen. Sogar eine Art psychotherapeutischer Wirkung wird dem „Körperstechen“ zugeschrieben. Frauen, die als Kind sexuell missbraucht wurden, wiederholen mit dem Piercing den genitalen Schmerz, erläutert die Expertin: Nachdem die Erfahrung wegen des psychisch schierunerträglichen Leidens jahrelang verdrängt wird, ermöglicht es das Genitalpiercing die abgespaltene Körperregion quasi zurückzuerobern.

Das Opfer inszeniert die schmerzhafte Erfahrung neu: Diesmal kann es den Schmerz kontrollieren und sich mit dem Agressor psychologisch identifizieren. Auf diese Weise wird das frühe Trauma schließlich bewältigt. Auch die wochenlange Selbstfürsorge so Dr.Stirn, kann als therapeutischer Akt verstanden werden: bei Piercings mit längerer Einheilungszeit werden Betroffene veranlasst, sich für längere Zeit fürsorglich mit sich und ihrem Körper zu befassen.

Dr.Agla Stirn, Lancet 2003; 361: 1205-1215